Nachbereitungsbericht zu den antifaschistischen Protesten gegen den Neonaziaufmarsch am 6. und 7. August 2021 in Weimar

Foto: Vue Critique

Danke Antifa! ❤

Wir blicken auf einen starken antifaschistischen Protest am vergangenen Wochenende zurück.  Schon am 6. August begann unser Protest gegen den faschistischen Aufmarsch mit einer kraftvollen Vorabenddemonstration. Am 7. August sezte er sich mit einem beeindruckend großen Demonstrationszug und einer Kundgebung mit Redebeiträgen und Livemusik fort.

Dieser Protest wurde ermöglicht durch vielfältige antifaschistische Arbeit: Orga, Demoleitung, Recherche- und Pressarbeit, Awareness, Sanitäter*innen, Ermittlungsausschuss, parlamentarische Beobachter*innen, Rechtsanwält*innen, den Redner*innen, Care-Arbeit – sichtbar und im Hintergrund – und den entschlossenen unterschiedlichen antifaschistischen Aktivist*innen auf der Straße. Wir wollen uns an dieser Stelle bei allen Menschen bedanken, die uns dabei unterstützt haben und (auch international) einen so weiten Weg auf sich genommen haben. Wir danken auch den Organisationen, die uns Geld und Material zur Realisierung unserer Demo zur Verfügung gestellt hben.

Zwar gab es trotz einiger Versuche keine Blockade des faschistischen Aufmarschs, aber die entschlossene Demonstration mit rund 2.000 Teilnehmer*innen trug antifaschistische Positionen auf die Straße und machte deutlich, dass rechte Aktivitäten nicht ohne Antwort bleiben. Wir kämpfen gegen neonazistische und rechte Strukturen auf unterschiedlicher Ebene und für eine solidarische, antikapitalistische, queer_feministische und antirassistische Gesellschaft. Antifaschistischer Selbstschutz ist notwendig was leider auch wieder am vergangenen Wochenende in Weimar deutlich wurde. In den Redebeiträgen wurde die tragweite faschistischer Gewalt und staatlicher Repressionen gegen antifaschistische Aktivist*innen herausgearbeitet.

Wer gegen die Nazis kämpft, kann sich auf den Staat überhaupt nicht verlassen” – Esther Bejarano

Wir sind gerade dabei, die staatlichen Repressionen gegen unseren Protest aufzuarbeiten. Wir wollen uns mit jedem uns gemeldeten Fall auseinandersetzen und die Betroffenen so weit es uns möglich ist, unterstützen. Wir wollen explizit nicht an die staatlichen Institutionen appellieren, in unserem Sinne zu handeln, denn wir kritisieren die Institution Polizei grundsätzlich und glauben nicht an ihre Reformierbarkeit.

Bereits im Vorfeld sollte unsere Demonstration per Auflage von der Route der Neonazis ferngehalten werden. Außerdem wurden Länge, dicke und Material unserer Fahnenstangen beauflagt, was den Ausdruck unserer Demonstartion massiv beeinträchtigt hätte. Die „Gefahrenprognose“ der Polizei hielt einer Prüfung durch das Weimarer Amtsgericht nicht stand und beide Auflagen wurden als „offensichtlich rechtswidrig“ aufgehoben.

Auch auf unseren Demonstrationen zeigte sich wiederholt repressives und gewalttätiges Vorgehen der Polizei gegen die Teilnehmer*innen. Schon unsere Vorabenddemonstration wurde durch Filmen und Durchsuchungen einzelner Aktivist*innen durch die Polizei schikaniert. Mit großem Selbstverständnis wurden auch unterschiedliche Repressionen gegen die antifaschistische Großdemonstration am 7. August eingesetzt. Vorkontrollen mit Personalienaufnahmen und Taschendurchsuchungen wurden genauso durchgeführt wie Beschlagnahmungen von Schaltüchern und eines Erste-Hhilfe-Sets. Personen erhielten aufgrund des Mitführens von schwarzen Regenjacken und eines Ausspülsets für die Augen einen Platzverweis, weitere Platzverweise wurden ohne nachvollziehbaren Grund ausgesprochen. Die schriftlichen Platzverweise, die die Polizei aushändigte waren bereits vorgefertigt.

Dass die Polizei antifaschistischen Protest generell als Feindbild wahrnimmt, zeigte sich deutlich an der am Rande der Proteste mitgehörten Bezeichung von Antifaschist*innen in abwertender Absicht als „Zecken“, womit die Polizei auf eine Beleidigung gegen linke Menschen aus dem rechten und faschistischen Sprachgebrauch zurück griff. 
Der ausufernde Einsatz von Pfefferspray ist regelmäßg bei emanzipatorischen und antifaschistischen Protesten zu beobachten, dies war auch am Samstag in Weimar wieder der Fall. Nach einem eskalativen Pfeffersprayeinsatz am Weimarer Marktplatz lag der Pefferspraydampf über dem ganzen Platz, sodass unsere Demoleitung auch Restaurantbesucher*innen dazu auffordern musste, sich zu ihrem eigenen Schutz in die Innenräume zurückzuziehen.

Pfefferspray ist als gefährliche Waffe anzusehen, deren massiver Einsatz zwar Normalität ist, aber immer wieder entschieden kritisiert werden muss. Ebenso kritisieren wir den Einsatz von Schlägen, Tritten, Stößen und Schlagstöcken gegen unseren Protest. All diese Repressionen richteten sich vor allem gegen den vorderen Teil unserer Demonstration, es kam aber auch zu Angriffen der Polizei auf Demosanitäter*innen und unsere Versammlungsleitung.

Das Zurückschlagen des Durchbruchversuchs in der Ernst-Thälmann-Straße und die gewalttätige Eskalation gegen den vorderen Teil unserer Demonstration in den engen Gassen der Innenstadt nahe des Marktes, führte zu vielen Verletzen auf unserer Seite. Im Rahmen dieses Übergriffes wurde außerdem eines unserer Banner von der Polizei geklaut. Die Demo-Sani-Strukturen berichten von mindestens 41 Verletzten Aktivist*innen (28x Reizstoff, 10x chirurgisch, 3x internistisch) und machen deutlich, dass vor allem in Bezug auf Reizstoff und chirugische Verletzungen von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Bei mindestens einer polizeilichen Maßnahme an unserem Aktionswochenende kam es außerdem zu einem Vorfall sexueller Belästigung gegen eine*n Genoss*in.

All diese und weitere Repressionen und Übergriffe gegen antifaschistische Proteste und Aktivist*innen sind bittere Normalität. Sie ist genauso bittere Normalität wie faschistische, rassistische, antisemitische und sexistische Gewalt und faschistische Strukturen auf die der Staat keine Antwort findet oder sie selbst unterstützt. 

Wir werden das gewalttätige Vorgehen der Polizei gegen unseren Protest unter anderem in Zusammenarbeit mit  Katharina König Preuß, die schon am Samstag als parlamentarische Beobachterin im Einsatz war, weiterhin aufarbeiten. Den Verletzten wünschen wir eine gute Erholung und Zeit, sich auszuruhen. Teilt uns bitte Vorfälle von Polizeigewalt oder von Übergriffen durch Faschos am 6. und 7. August in Weimar unbedingt mit, damit wir die Vorfälle aufarbeiten und euch, wenn nötig, unterstützen können. Falls die Polizei Vorwürfe gegen euch erhebt, wendet euch an eure lokalen Antirepressionsstrukturen – z.B. an die Rote Hilfe – und meldet sie ebenfalls bei uns. Ihr seid nicht allein!

Für einen intersektionalen Antifaschismus

Wir verstehen unseren Antifaschismus als intersektional. Antifaschistische Aktionen müssen sich gegen alle Formen der Unterdrückung richten. Unsere antifaschistische Arbeit soll antirassitisch, antikapitalistisch, queer_feministisch, damit auch gegen Trans*- und Interfeindlichkeit, gegen Ableismus, Klassismus, eugenische und sozialdarwinistische Positionen und gegen Antisemitismus gerichtet sein. Das stellt uns vor offene Fragen, fordert Lernprozesse und selbstkritische Auseinandersetzungen mit unserer Orga, unserer Demo und unserer inhaltichen Arbeit. Wir befinden uns nun in der Nachbereitung und in vielfältigen Diskussionen.

Eins ist aber sicher: Wir brauchen jeden Tag antifaschistische Arbeit und werden uns den damit verbunden Herausforderungen auch in Zukunft stellen. An dieser Stelle sagen wir nochmal “Danke Antifa!”, danke an die Recherchegruppen, die unterschiedlichen Organisationen und all die stabilen unterschiedlich organisierten antifaschistischen Aktivist*innen, die trotz aller Widrigkeiten weiter aktiv sind. Dazu gehören explizit auch Care- und Antirepressionsstrukturen, wie z.B die Awareness-, KüfA, Out-of-Action- und Legalstrukturen, ohne die antifaschistische Aktionen nicht möglich wären.

Pressemitteilung zum 07.08.2021: Antifaschistischer Gegenprotest in Weimar erfolgreich!

Foto von Michael Weiland

Am 07. August 2021 konnte Weimars antifaschistisch zivilgesellschaftlicher Zusammenhalt gegen einen Neo-Naziaufmarsch gezeigt werden. Rund 2000 Menschen machten deutlich, dass sie den Neo-Nazis nicht unwidersprochen den öffentlichen Raum zugestehen, sondern sich durch vielfältige Proteste gegen Faschismus in der Gesellschaft einsetzen.

Alex M. aus dem Aktionsbündis „Auf die Straße!“ beschreibt die Motivation: “Gerade während des Yiddish Summer hier in Weimar möchte ich heute zeigen, dass die angereisten Neo-Nazis, Antisemit*innen und Geschichtsrevisionist*innen in Weimar keine Unterstützung finden werden! Wir solidarisieren uns klar mit allen von rechter Gewalt betroffenen Menschen und stellen uns konsequent gegen jede Art von Diskriminierung!“

Als Auftaktveranstaltung gegen die Neo-Naziversammlung kamen 250 Menschen am Vorabend zu einer Demonstration zusammen. Heute lief ein großer Demonstrationszug durch die Stadt, mehrere Mahnwachen und kleine Aktionen fanden statt. Aufgerufen wurde regional und überregional über ein breit aufgestelltes Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Einzelpersonen und linksradikalen Bündnissen. Viele Demonstrant*innen richteten Ihren Protest nicht nur gegen die Neo-Nazis auf der Straße in Weimar, sondern auch gegen faschistische
Strukturen in den Behörden wie der Polizei. Sie skandierten u.a. „Wo? Wo? Wo wart ihr in Hanau?“ und „Nazis morden, der Staat macht mit! Der NSU war nicht zu dritt!“. 

Uli K. von Omas gegen rechts sagte hierzu: „Die Demonstration verlief bunt und friedlich. Der Polizeieinsatz war von Anfang an auf Eskalation ausgerichtet, was u.a. mehrere Angriffe der Polizei auf die Versammlung und dauerhaftes abfilmen gezeigt haben.“

Auch die Demo-Sanitäter*innen vor Ort sahen den Einsatz der Polizei mehr als kritisch, diese twitterten: “Es gab mehrere Angriffe durch Seiten die Polizei durch Schubsen. Wir verurteilen dies aufs schärfste!“

Der Gegenprotest war nicht nur durch die zahlenmäßige Überlegenheit ein voller Erfolg, die Neo-Nazis haben sich auch sichtbar unwohl gefühlt. Dies wurde unter anderem durch das vier Stunden vorgezogene Ende der Nazi-Demonstration und Auslassen der Kundgebungen deutlich. Auch Anwohner*innen verliehen ihrem Protest Ausdruck, indem sie die Demonstration der Faschist*innen mit Wasserbomben bewarfen. Antifaschist*innen zeigten, dass Weimar keinen Platz für Faschismus hat und machten wie geplant den Neo-Nazi Aufmarsch zum Desaster!

„Auf die Straße!“ – Letztes Update und Informationen

Antifaschistische Vorabenddemonstration

Freitag, 06. August 2021

Treffpunkt: 20 Uhr auf dem Wielandplatz

Kundgebung und antifaschistische Demonstration

Samstag, 07. August 2021

Treffpunkt: 10 Uhr auf dem Stéphane-Hessel-Platz (Bauhaus-Museum)

Aktionskarte

PDF-Download

Anreise aus anderen Städten

Erfurt (Zug): 10:15 Uhr / Erfurt Hauptbahnhof (Willy-Brandt-Platz)

Jena (Zug): 10:15 Uhr / Bahnhof Jena-West (Haupteingang)

Leipzig (Zug): 09:00 Uhr / Leipzig Hauptbahnhof (Gleis 7)

Berlin (Bus): 06. August 2021, 18 Uhr / Ticket-Preis: 10€

Ermittlungsausschuss (EA) & Packliste

Telefonnummer des EA: 0157 86 95 71 96

Eine Packliste findet ihr hier: Dos and Don’ts.

Euer antifaschistisches Aktionsbündnis „Auf die Straße! Den Neonaziaufmarsch zum Desaster machen.“

Auf zur antifaschistischen Vorabenddemo am 06. August 2021 in Weimar!

Wir wollen die Proteste gegen den Neonaziaufmarsch am Samstag schon am Freitagabend mit einer kraftvollen Vorabenddemo einläuten. Bringt Banner, Fahnen und eure Freund*innen mit. Treffpunkt ist 20 Uhr am Wielandplatz!

Tragt eine medizinische Mund-Nase-Bedeckung, testet euch am besten vorher, kommt nicht alleine, achtet aufeinander und lasst euch nicht von der Polizei stressen.

Aufruf und Treffpunkt für den 07. August: Auf die Straße! Den Neonaziaufmarsch in Weimar zum Desaster machen.

Am 7. August wird Weimar zum Ziel für Rechtsradikale aus ganz Deutschland. Mehrere Neonazi-Gruppen mobilisieren zu einer „organisationsübergreifenden Demonstration“ in die thüringische Stadt. Wir rufen deshalb alle Antifaschist*innen auf, sich dem Neonaziaufmarsch entgegenzustellen. Schließt euch ab 10 Uhr dem Gegenprotest auf dem Stéphane-Hessel-Platz (vor dem Bauhaus-Museum) an. Lasst uns den Neonaziaufmarsch gemeinsam zum Desaster machen. Kein Fußbreit dem Faschismus!

Rechtsradikale Vernetzungsbestrebungen

Hinter dem Aufruf der Neonazis stecken mehrere faschistische Kleinstgruppen. Am relevantesten dabei ist wohl der Neonaziverein „Neue Stärke Erfurt“ (NSE), dessen Mitglieder zuvor teilweise schon unter den Labels „NPD“, „Die Rechte“ und „III. Weg“ organisiert waren. Jedes Mal kam es schon nach kurzer Zeit zum Bruch mit den rechten Parteien, sodass die Erfurter Neonazis jetzt eigene Wege gehen und versuchen, neue Bündnisse zu formen und den „Nationalen Widerstand“ zu vereinen.

Ebenfalls am Aufruf beteiligt ist die „Aktionsgruppe Dessau/Bitterfeld“ die in der Vergangenheit schon von der NSE bei Aufmärschen unterstützt wurde und durch den Lok-Leipzig Hooligan und Neonazi Dirk Hammerschmidt über Kontakte in das Hooligan-Milieu von Lok-Leipzig, Hallescher FC und FC Rot Weiß Erfurt verfügt.

Außerdem finden sich die Logos der Parteien „NPD“ und „Die Rechte“ auf dem Aufruf. Eine Mobilisierung durch diese beiden Parteien im Allgemeinen findet allerdings gar nicht statt. Vielmehr handelt es sich hierbei ausschließlich um die „Die Rechte Braunschweig Hildesheim“ rund um Pierre Bauer sowie die „Kameradschaft Reinhessen“, deren Logo ebenfalls abgebildet ist und die sich in Teilen mit der „NPD Bingen“ und „Die Rechte Südwest“ deckt.

Ausgestreckte Hand zu „Querdenken“

Die letzte Gruppe, die den Aufruf mit ihrem Logo unterstützt, ist die sogenannte „Speerspitze Widerstand Deutschland“ rund um Jakob Brock, die aus den Coronaleugner*innenprotesten entstand. Brock trat schon bei einer Demonstration am 20. März 2021 in Berlin in Erscheinung, zu der mehr als 20 rechtsradikale Organisationen aufgerufen hatten. Der Versuch, das „Querdenken“-Spektrum nach Berlin zu mobilisieren, scheiterte damals, weil dessen Spitze nach Kassel mobilisierte. Er klagte daraufhin in einem Redebeitrag über die „Klangschalenfraktion“, die die Neonazis in Berlin im Stich gelassen hätte. Dem Aufruf zur Demonstration in Berlin mit dem Titel „Frieden, Freiheit und Souveränität“ folgten letztendlich keine 300 Personen. Unter dem gleichen Titel wird nun auch für den rechten Aufmarsch in Weimar mobilisiert – Ziel ist wohl also auch, den Reinfall von Berlin gerade zu rücken.

Auch die „Neue Stärke Erfurt“ versuchte in der Vergangenheit, Kontakt zum „Querdenken“-Spektrum herzustellen. Der Erfurter Neonazi Enrico Krause trat beispielsweise wiederholt mit NSE-Symbolik auf den Veranstaltungen von „Querdenken 361 – Erfurt“ auf und übernahm auch Ordnerfunktion. Zu einer Demonstration am 1. Mai 2021 mobilisierten sie – ebenso wie zum 7. August – auch in der Telegramgruppe der Erfurter „Querdenker*innen“ und konnten auch einige Schwurbler*innen auf ihre Demo bringen.

Zeitgleich zur 1. Mai-Demo der NSE wurde Weimar allerdings von tausenden Schwurbler*innen überrant nachdem im April 2021 eine Hausdurchsuchung bei einem Richter des Weimarer Amtsgerichts durchgeführt wurde. Dieser hatte – wohl nach Absprachen mit Personen aus der thüringer „Querdenken“-Szene – die Maskenpflicht für zwei Weimarer Schüler*innen aufgehoben. Die Polizei und leider auch der antifaschistische Gegenprotest waren auf die Demonstrationen der Coronaleugner*innen kaum vorbereitet, was im Milieu der „Querdenker*innen“ als Erfolg gewertet wurde. Die Neonazis versuchen nun verspätet daran anzuknüpfen, worauf auch die Formulierungen ihres Aufrufs für den 7. August hindeuten. Darin wird explizit Bezug auf die Covid-19-Pandemie und die vermeintlich dahinterstehende Verschwörung genommen.

Rechte Kontinuitäten in Weimar

Aufgrund seiner Geschichte, in der der Nationalsozialismus eine große Rolle spielt, war Weimar schon in der Vergangenheit Ziel rechter Aufmärsche. Die Stadt im Schatten des Konzentrationslagers Buchenwald war schon in der Zwischenkriegszeit ein Zentrum völkisch-nationalistischer Bewegungen, die Hitlerjugend bekam hier ihren Namen und in Weimar steht das einzige tatsächlich gebaute Gau-Forum der NSDAP.

Seit 2013 versuchten Neonazis – darunter auch Michel Fischer, damals noch NPD, nun NSE – ein geschichtsrevisionistisches „Bombengedenken“ in Weimar zu etablieren. In den vergangenen Jahren fanden diese Aufmärsche dank breiten Protests, organisiert vom Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar, nicht mehr statt.

Zwar gibt es in Weimar selbst keine organisierten Neonazi-Kader, keine Burschenschaften, bis auf die AfD keine offen agierenden rechtsradikalen Parteien oder ähnliche Strukturen, dennoch sind rassistische und antisemitische Übergriffe in der Stadt keine Seltenheit. Anfang 2021 wurden wiederholt Stolpersteine, die an die Opfer des Holocaust erinnern, mit Farbe beschädigt. Immer wieder gibt es Drohungen, Beleidigungen und sogar Angriffe auf Menschen of Color oder Antifaschist*innen.

Für besonderes Aufsehen sorgten zwei Vorfälle im Frühjahr 2021: So wurde Anfang März die Schaufensterscheibe des Cafés „Spunk“ gezielt mit einem Ziegelstein eingeworfen und Teile der Inneneinrichtung beschädigt. Im Fenster hingen Plakate im Gedenken an die Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau – Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov – mit deren Namen und Gesichtern aus. Wenige Tage später wurde eine vom „Netzwerk Antirassismus Weimar“ organisierte Ausstellung im öffentlichen Raum im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus durch Unbekannte zerstört. Eine Neuauflage der Ausstellung wurde erst vor wenigen Wochen kurz nach der Eröffnung erneut von Unbekannten beschädigt.

Den rechten Konsens brechen! Den Neonaziaufmarsch zum Desaster machen!

Wir protestieren daher nicht nur gegen den Neonaziaufmarsch, sondern wollen darüber hinaus auch aufmerksam machen auf die rassistischen und antisemitischen Vorfälle, die sich in Weimar immer wieder ereignen. Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und anderes menschenverachtendes Gedankengut sind keine Phänomene, die ausschließlich an einem vermeintlichen „rechten Rand“ der Gesellschaft vorkommen und die mit einer Demonstration gegen einen faschistischen Aufmarsch aus der Welt geschafft wären. Diese Verkürzung und auch die Gleichsetzung mit einem angeblich „genauso schlimmen linken Rand“ auf der anderen Seite, verunmöglichen den Kampf gegen Rechts. Menschenverachtendes Gedankengut und Ungleichheit sind strukturell in unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung verankert und müssen nicht nur am 7. August, sondern jeden Tag bekämpft werden.

Schließt euch also den antifaschistischen Protesten am 7. August in Weimar an und beteiligt euch an der Demonstration ab 10 Uhr auf dem Stéphane-Hessel-Platz! 

Gegen den rechten Schulterschluss ­– rassistische, antisemitische und faschistische Strukturen bekämpfen!

Den antifaschistischen Widerstand auf die Straße bringen!


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Hinweise:

Solltet ihr mit dem Zug anreisen, verlasst den Hauptbahnhof bitte über den Ost-Tunnel, um eine Gefährdung durch gleichzeitig anreisende Neonazis zu vermeiden. Am Ausgang werden Genoss*innen an einer Sammelstelle auf euch warten, damit ihr als angemeldete Zubringerdemo zum Stéphane-Hessel-Platz laufen könnt.

Bitte beachtet, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Bitte testet euch auf Covid-19 bevor ihr euch den Protesten anschließt, versucht, Mindestabstände einzuhalten und tragt eine medizinische Mund-Nase-Bedeckung auf der Demonstration.

Es wird voraussichtlich ein langer Tag werden. Damit ihr möglichst die Proteste möglichst lange unterstützen könnt, denk daran Sonnen- und Regenschutz, Verpflegung und genügend Wasser mitzunehmen.

Weitere Hinweise findet ihr in unserer Packliste und auf der Aktionskarte, die kurz vor dem 7. August auf unserer Webseite www.aufdiestrasse.org veröffentlicht werden.

Demonstration am 31. Juli 2021 in Weimar: „Antifaschismus vervielfältigen! Im Kampf gegen Faschismus, Staat und ihre Handlanger!“

Treffpunkt: Samstag, 31. Juli 2021 | 18 Uhr | August-Baudert-Platz (Hauptbahnhof), Weimar

Am Samstag rufen Weimarer Genoss*innen unter dem Titel „Antifaschismus vervielfältigen“ zu einer Demonstration auf: Antifaschismus ist mehr als nur der Kampf gegen Nazis. Auch den autoritären Bestrebungen des Staates und dessen Verstrickungen mit rechtsradikalen Strukturen gilt es entgegenzutreten. Doch die staatlichen Repressionsorgane konfrontieren Recherchestrukturen, rebellische und autonome Gruppen mit einer Vielzahl operativer Maßnahmen. 

Auszüge aus dem Aufruf der Genoss*innen:

„Zu behaupten, wir hätten es mit nationalsozialistischen Kadern auf der einen Seite, und einem Staat mit unanfechtbarem Herrschaftsanspruch auf der anderen Seite zu tun, wäre zu kurz gefasst. Gibt es doch unzählige Beispiele, in denen sich erkennen lässt wie unmittelbar die Vorgehensweisen besagter Feindbilder verwoben sind […]

Solidarität ist eine Waffe. Aus ihr ziehen wir immer wieder Kraft, Energie und Mut um unseren Widersachern weiterhin entschlossen entgegenzutreten. Es gilt diese sichtbar werden zu lassen und Momente der Verbundenheit zu schaffen, um rebellische und revolutionäre Perspektiven am Leben zu erhalten. […] 

Kommt am Samstag, dem 31. Juli 2021, 18 Uhr nach Weimar und lasst uns unseren ungebrochenen Willen und unsere gemeinsame Stärke auf die Straße tragen!“

Mobilisierung in Halle (Saale)

Foto von Gregor Wünsch

Am Wochenende erreichten uns solidarische Grüße aus Halle (Saale) von der „Save our communication“-Demo. Die Teilnehmenden protestierten gegen staatliche Repression und Überwachung, die längst nicht mehr nur politische Aktivist*innen betrifft.

Heute, am 28. Juli sind wir um 21 Uhr in der Reilstraße 78 zu Gast und informieren euch in einem Vortrag über den Neonaziaufmarsch am 7. August in Weimar und die geplanten antifaschistischen Gegenproteste.

Kommt vorbei, wir haben die aktuellen Infos und Mobi-Material im Gepäck!

Rassistischen, faschistischen und antisemitischen Strukturen entgegentreten!

Seit über einem Jahr kommt es in der Stadt Weimar immer wieder zu rassistisch und antisemitisch motivierten Übergriffen und Attacken. Stolpersteine in Gedenken an die Opfer des Holocausts wurden mit Farbe beschädigt und Menschen of Color werden bedroht, beleidigt und angegriffen.

Bereits im März wurde im öffentlichen Raum eine Ausstellung zur internationalen Woche gegen Rassismus von Unbekannten zerstört. Eine Neuauflage dieser Ausstellung wurde erst vor wenigen Tagen kurz nach der Eröffnung erneut beschädigt.

Einen Höhepunkt bildete der rechtsmotivierte Angriff vor wenigen Monaten auf das Café „Spunk“: Die Schaufensterscheibe und Teile der Inneneinrichtung wurden gezielt mit einem Ziegelstein zerstört. Im Fenster hingen Plakate zum Gedenken an den rechten Terroranschlag von Hanau mit den Gesichtern und Namen der Opfer – Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Gleichzeitig wurden in der ganzen Stadt weitere solcher Plakate mit Farbe beschmiert, abgerissen oder entwendet.

Am 7. August gehen wir nicht nur gegen den faschistischen Aufmarsch auf die Straße, sondern auch gegen die rassistischen und antisemitischen Umtriebe, die hier in Weimar, aber auch andernorts trauriger Alltag sind.

In diesem Sinne: Am 7. August alle auf die Straße! Den Neonaziaufmarsch zum Desaster machen!

„In solidarity we trust! Für einen konsequenten Antifaschismus!“

Foto von Michael Weiland

Am Samstag, 17. Juli 2021 haben wir die Genoss*innen der antifaschistischen Gruppe Dissens aus Erfurt bei ihrer Demo „In solidarity we trust – Für einen konsequenten Antifaschismus“ unterstützt.

Anlass der Demonstration war der brutale Angriff durch Erfurter Neonazis auf junge Erwachsene vor der Thüringer Staatskanzlei vor einem Jahr. Etwa 400 Teilnehmende zogen durch Erfurt und prangerten die Untätigkeit der Behörden bei der Strafverfolgung rechtsradikaler Gewalttäter*innen an.

Die Forderung lautet jedoch nicht etwa mehr Polizei oder ein stärkerer Staat. Rechten Angriffen müssen wir uns als Antifaschist*innen selbst entgegenstellen, denn wie schon die kürzlich verstorbene Antifaschistin und Holocaustüberlebende Esther Bejarano sagte: „Wer gegen die Nazis kämpft, der kann sich auf den Staat überhaupt nicht verlassen!“.

Zeitgleich trauten sich auch kaum 50 Personen des Neonazivereins „Neue Stärke Erfurt“ und der „Aktionsgruppe Dessau/Bitterfeld“, einen kurzen Aufzug durch die Stadt zu veranstalten. Die beiden Gruppen rufen auch zum 7. August nach Weimar auf. Auch dann wird der antifaschistische Protest wieder deutlich in der Überzahl sein.

Unterstützt uns dabei!

Am 7. August alle nach Weimar, die Nazis stoppen! 

Pressemitteilung

Am Samstag, den 07. August 2021 möchten Neonazis und Faschist*innen aus mehreren Teilen der Bundesrepublik Deutschland im thüringischen Weimar aufmarschieren. Das zivilgesellschaftliche Bündnis „Auf die Straße!“ ruft zu breiten Gegenprotesten und Aktionen auf. 

Wir werden mit unserem vielseitigen Protest deutlich machen, dass Weimar keinen Platz für Neonazis und deren Gedankengut hat, denn dieses hat in unserer Demokratie nichts zu suchen. Statt Aufmarsch wird es für die Rechten Abmarsch heißen! Rassismus und Faschismus sind keine Meinungen, sondern Teil einer Ideologie, die das Leben aller Menschen gefährdet, die ihr nicht anhängen. Deshalb gehört dieser Aufmarsch verhindert.“, so die Pressesprecherin Dylan Raabe des Bündnisses.

Der geplante Neonaziaufmarsch wird von führenden Gruppierungen und Organisationen aus der rechtsradikalen Szene initiiert. Darunter befinden sich unter anderem die faschistischen Parteien „NPD“ und „Die Rechte“, die dem gewalttätigen rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind.

Für die Teilnahme wird im gesamten Bundesgebiet geworben. Bisher haben sich bereits verschiedene faschistische Gruppierungen aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz angekündigt. Dem rechtsradikalen Aufmarsch wird durch die historische Bedeutung der Stadt Weimar und dem Versuch eines bundesweiten Schulterschlusses faschistischer Strukturen, eine bedeutsame Symbolwirkung für die rechtsradikale Szene im deutschsprachigen Raum zugeschrieben.

Dieser Aufmarsch ist ein Schlag ins Gesicht aller Überlebenden und Verfolgten des faschistischen NS-Regimes. Die sogenannten „Querdenken“-Proteste haben leider gezeigt, wie viele Menschen bereit sind, Seite an Seite mit Neonazis zu marschieren und Mahnungen der Zeitzeug*innen zu missachten. Umso wichtiger ist es nun, dass wir uns in Weimar zusammenschließen, egal ob als Nichtregierungsorganisation, Initiative, Gruppe, Familie, Freund*innen, Nachbar*innen oder Einzelperson, um zu zeigen, dass Antifaschismus einen wichtigen Teil einer solidarischen Gesellschaft bildet und rechtsradikale Aufmärsche ins Leere laufen werden.“, so Aktivist*in Finn B.

Weimar war schon in den Anfängen der Weimarer Republik eine Hochburg rechter Propaganda.​​​​​​​ Bereits bei den Landtagswahlen im Jahr 1932 hatte die NSDAP in Thüringen rund 37% der Stimmen bekommen und war damit zur stärksten Partei des Landes geworden. Auch wurde in unmittelbarer Nähe zur Stadt das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg errichtet, an das heute eine Gedenkstätte erinnert. Es gilt also, den Anfängen zu wehren und sich entschieden für einen breiten antifaschistischen Widerstand einzusetzen. Deshalb werden verschiedene Gruppen und Initiativen Seite an Seite mit einer großen Demonstration sowie bunten und kreativen Protestformen den Aufmarsch eine entschlossene Absage erteilen. Das Bündnis „Auf die Straße“ ruft auf, sich an den Gegenprotesten zu beteiligen und die Aktionen gegen rassistische, faschistische und nationalistische Ideologien zu unterstützen.